Der Podcast „Wie das Gehirn die Seele macht“, ein Buch von Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth und Prof. Dr. Nicole Strüber, regte die Pädagogin Luisa Ehlicker Glaub und den Arzt und Psychotherapeuten Dr. med. Alfons Lindemann an, mit „Elternforum“ einen Austausch der Generationen zu >kindlicher Entwicklung< zu starten: Wissenschaft trifft Alltagserfahrungen.

Die Referenten fassten die modernen Erkenntnisse der Hirnforschung zu Entwicklungsbedingungen und Lernvorgängen in drei Workshops zusammen –
„was wir gern noch, auch an anderer Stelle noch vertiefen können, denn dies hier ist nur ein kleiner Blick in das Vorgestellte“.
(Kontakt gerne über info@biebertaler-bilderbogen.de) Denn es war unser Anliegen, junge und erfahrende Menschen ins direkte Gespräch zu bringen, mal nicht defizit- oder verkaufsorientiert, einfach erarbeitetes Wissen weiterzugeben, um den sozialen Zusammenhalt im Dorf zu stärken.

Vielleicht fühlten sich viele vom Titel „Elternforum“ nicht angesprochen, obwohl diese Themen uns natürlich alle betreffen. Alle waren wir Kinder, alle sind wir durch Entwicklungsprozesse gegangen, viele sind zudem Eltern, Großeltern oder Fachkräfte in diesen Prozessen des Lernens. Und, wie unsere Gesellschaft derzeit organisiert ist, dürften wir alle Erfahrungen von „Verwicklungen“, wie es Prof. Dr. Gerald Hüter nennt, erfahren haben, die es zu entwickeln gilt, um besser mit uns selbst und unserer Umwelt in Kontakt zu sein und um uns entfalten zu können.
Literatur für Interessierte sind dazu die Bücher von Prof. Dr. Joachim Bauer z.B. „Wie wir werden, wer wir (kontextbezogen, veränderlich – Anm.d.Verf.) sind: Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz“ oder die Bücher von Prof. Dr. Gerald Hüter, wie z.B. „Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“ oder „Wie Kinder heute wachsen: Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken“, das er zusammen mit dem Kinderarzt und Erziehungswissenschaftler Herbert Renz-Polster geschrieben hat.

Hier nun die Möglichkeit, nachträglich noch einige Folien aus dem Workshop zu sehen; z.B. die (Bild links) zur Frage: „Wann lohnt sich eine Investition in Bildung?“ und die dazu passende Kurve der Anzahl der im Gehirn vorhandenen Nervenverbindungen, zur Entwicklung bestimmter Fähigkeiten (Bild unten).

Im Mutterleib durchlaufen wir die Evolutionsgeschichte im Zeitraffer – vom Einzeller bis zum kleinen Menschen.
Die Genetik liefert den Bauplan, die Erfahrungen unserer jüngeren Vorfahren bestimmen mit, welche Gene genutzt werden und welche hormonellen Einflüsse schon vorgeburtlich grundlegend unser Temperament formen. Das ist sozusagen die „Brille“ durch die wir die Welt erleben; eher zurückhaltend oder forsch und neugierig.
„Alte“ Gehirnteile reifen vor dem entwicklungsgeschichtlich jüngeren Großhirn, wo die Neuroplastizität länger erhalten bleibt. Der Hirnstamm, umgangssprachlich „Reptiliengehirn“, ist früh vor- und nachgeburtlich für lebenswichtige, unbewusste Funktionen wie Atmung, Herzschlag, Verdauung und Emotionen zuständig. Außerdem werden dort instinktive, reflexhaft unbewusst gesteuerte Reaktionen wie Kampf, Flucht oder Erstarren in Gefahrensituationen gesteuert. (Welchen Modus bevorzugen Sie? – Denn das zu wissen, hilft manchmal rechtzeitig und bewusst Einfluss zu nehmen.)

In den letzten Jahren konnte die Forschung die Bereiche unserer Persönlichkeitsgestaltung im Limbischen System als „Vier-Ebenen-Modell der Persönlichkeit“ herausarbeiten. (zeitliche Reifung von li => re)

Vorgeburtliche Eindrücke, die Hormonlagen der Mutter sowie Einflüsse weiterer Vorfahren organisieren, uns nicht bewusst, unser Temperament.

(Bildquelle: Video von Prof. Roth)

Ebenfalls noch vorsprachlich werden durch frühkindliche Resonanzen und Bindungserlebnisse die emotionalen Modulierungen geformt.

Bis hier gelten Störungen als strukturell, da die Reaktionsweisen eher reflexhaft dem Überleben dienen.

Diese bewusstseinsfähigen Bereiche, die unser Selbstbild prägen, werden von unseren als Kind erlebten Erfahrungen geprägt.

Ab hier gelten Störungen als phasenspezifisch konfliktneurotisch.

Alle Erfahrungen seit der Kindheit hinterlassen Spuren und organisieren über die aufgebauten neuronalen Netzwerkstrukturen unseren willentlichen Umgang mit uns selbst und unserer Umwelt.

In als Bedrohung gedeuteten und in Überforderungssituationen kippt dieser Steuerungsfähigkeit und die automatischen Überlebensreaktionen >Flucht, Aggression, Totstellen bzw. Dissoziation oder beschwichtigende Kindchenschemata< der strukturellen Ebenen werden wirksam.

„Seele“, Psyche und Persönlichkeit entstehen in strenger Parallelität zur Entwicklung des Gehirns und den im Erleben gefundenen Lösungen zu Herausforderungen. Dabei gilt es, die Pole Sicherheit und Neugier, Abhängigkeit und Eigenständigkeit, Bindung und Freiheit in eine Balance zu bringen.
Denn unser Gehirn sucht, insbesondere in der Kindheit, in all dem irritierend Neuen und Herausfordernden einen energiesparenden Modus. Dieses Kongruenz-Kompetenz ermöglicht ein Gefühl von Klarheit, Ruhe, Gelassenheit, Stimmigkeit mit sich selbst, Selbstvertrauen und Leichtigkeit in Entscheidungen. Kongruenz meint, für uns passt etwas zusammen.
Gelingt es nicht Passung, uns sinnvoll erscheinende Zusammenhänge, herzustellen, haben wir Stress und verbrauchen durch Suchbewegungen enorm viel Energie. Ergo gilt es, – im Sinne einer Salutogenese (= Gesundheitsentstehung) – über wachsendes Verständnis Orientierung und Handlungsoptionen zu erlangen. Diese müssen allerdings für uns Sinn ergeben, sinnvoll und bedeutsam sein, damit wir etwas tun. Dabei gelingt Lernen insbesondere, wenn etwas Freude bereitet und eine Eigenmotivation da ist.
Dort aber, wo Kinder nicht die nötige Aufmerksamkeit bekommen, z.B. weil die Eltern das Handy wichtiger finden, oder wo Kindern die eigene Deutungshoheit abgenommen und die Aufmerksamkeit nach den Vorstellungen der Erwachsenen gelenkt wird, wo Kinder wie Dinge (Objekte) behandelt werden, entstehen Verwicklungen im Gehirn. Da müssen eigene Bedürfnisse unterdrückt werden und man lernt mit Ersatz auszukommen. Langfristig führt dieses „gegen den eigenen Körper“, gegen die eigene Lebendigkeit, zu Krankheiten und Re-Inszenierungen in anderen Zusammenhängen und Beziehungen, bei denen die Symptome auf das Fehlende, auf das zugrunde liegende Bedürfnis deuten. Wir erleben uns im Mangel, statt in der Fülle.

Schon mit Beginn der Pubertät sind ca. 80 % unserer Persönlichkeit fertig. Aber erst Mitte der zwanziger Lebensjahre reifen die oberen, uns bewussten Bereiche des limbischen Systems aus. Dort ist insbesondere der Präfrontale Cortex für Aufmerksamkeit, Realitätssinn, Impulskontrolle, Emotionsregulation, Handlungsplanung und Entscheidungsfindung zuständig. Er ist entscheidend für das Arbeitsgedächtnis, das zur Integration von Inhalten ins Langzeitgedächtnis Ruhe, besser noch Schlaf, braucht. Hier wird flexibles, sich an neue Anforderungen anpassendes Verhalten ermöglicht und soziale Interaktion und ethisches Handeln beeinflusst.

All das entsteht seit der Kindheit, mehr oder weniger zufällig, aus den in einer gegebenen Umwelt gefundene Lösungen.
D.h., was schmerzhafte Erfahrungen bringt, lernen wir zu vermeiden, was attraktiv ist suchen und wiederholen wir und was auch immer uns Probleme macht, herausfordert oder in Konflikt bringt, ist letztlich als eine für´s Energiesparen gefundene Lösung interessant – sei diese nun funktional und sinnvoll oder auch dysfunktional und krankmachend.

Was auch immer wir tun hinterlässt Spuren im Gehirn. Je intensiver, emotionaler und/oder häufiger wir geknüpfte Verbindungen zwischen den Zellen nutzen, um so stabiler werden die Wege; Ungenutztes wird abgebaut!
Sehr früh wenden entwicklungslogisch in den verschiedenen Phasen sehr viele Verbindungen angeboten – nach dem Motto: use it or loose it (nutze es oder verliere es). (z.B. führt Zweisprachigkeit im Schnitt zu 5 Jahre späterer Demenzentwicklung.) Denn da ist keine Festplatte die irgendwann voll ist, vielmehr ist es bei uns so, dass je mehr in unserem Gehirn verknüpft ist, um so mehr passt hinein.
Wissen ist also unbedingte Bedingung für die Nutzung der modernen Medien, andernfalls fallen wir in der Informationsflut wieder auf das Stadium des „Glaubenmüssens“ zurück. Denn unser Gehirn kann Fakt nicht von Fake unterscheiden.

Wichtig für die Regulation all dieser Prozesse sind sechs neuropsychische Systeme, die aufeinander aufbauen:
Das Stressverarbeitungssystem entwickelt sich bereits vorgeburtlich, da es zur Überlebenssicherung elementar ist.  
Ebenfalls früh werden über das Bindungssystem in Co-Regulation Selbstberuhigung und Frustrationstoleranz entwickelt.         
Kindheitserfahrungen bahnen dann, je nach beobachtetem Erfolg von Verhalten, in welcher Richtung sich die Emotions- und Impulskontrolle orientieren, wie sich Bindungsfähigkeit und Sozialität (Empathie und Theory of Mind) ausrichten und wie sich Belohnungsempfindlichkeit und -erwartung (Motivation) formieren. Verstärkt durch Erfahrungen im Jugendalter bilden sich dann Realitätsbewusstsein und Risikowahrnehmung aus.

Bedeutsam ist die sogenannte Bewusstseinsschwelle, denn von den alten, uns nicht bewussten Hirnteilen führen überlebenssichernd viele Nervenverbindungen zum Großhirn, um dort die motorischen Fähigkeiten anzusteuern.
Vergleichsweise gering sind allerdings die Nervenverbindungen von den bewusst steuernden sprachlich-rationalen Hirnarealen zu den unteren limbischen Ebenen, die schnell und reflexhaft reagieren.

Vielen psychischen Störungen und Verhaltensproblemen, aber auch so mancher körperlichen Krankheit, liegen Defizite im Stressverarbeitungs-, Selbstberuhigung- und Bindungssystem zugrunde. Als Erwachsene sind uns unsere Grunderfahrungen bewusst nicht mehr erinnerbar. Dennoch wirken sie ein Leben lang unbewusst weiter, sind als Körper- und Geisteshaltungen präsent – auch wenn wir nicht mit uns in Kontakt sind, z.B. weil wir uns ablenken, von zu vielen Informationen und Zeitdruck überlastet sind und uns keine Zeit für uns selbst nehmen.

Daher wurden im Workshop einige orientierungsgebende Modelle vorgestellt, um über den eigenen resonanzfähigen Körper wieder Werkzeuge verfügbar zu haben, Situationen gut zu bewältigen. Da unterschiedliche Personen unterschiedliche Lebenserfahrungen gemacht haben, sind die komplexitätsreduzierenden Modellen, Worte und deren Bedeutungen unterschiedlich und bedürfen des kommunikativen Austausches, um zu einer Verständigung zu kommen.

Bildquelle: Lindemann

Insbesondere Kinder in ihrer Lebendigkeit, aber auch Partner/innen, die einem nahe sind, berühren uns immer wieder an schmerzenden alten Wunden.
Daher haben wir uns für das kommende Jahr 2026 vorgenommen, mit Ihnen über Beziehungsdynamiken und deren Gelingen zu sprechen.

Denn in der Praxis, wie in der Scheidungsstatistik, ist immer wieder zu sehen, dass Paarbeziehungen zerbrechen und Kinder belastet werden.
Oft fehlt grundlegendes Wissen und viel zu oft kommen Paare oder Eltern viel zu spät, um sich Unterstützung zu holen. Oft sind es Narrative, (unbewusste) kindliche Verletzungen oder ideologische Verhärtungen, die Zuhören, Abwägen und offene Gespräche sowie Lösungen verhindern.

Daher wird in 2026 das Angebot von „Gemeinsam in Biebertal“ als Generationendialog“ fortgesetzt, so wurde es im letzten Workshop vorgestellt. Das übergeordnete Thema wird Beziehungen sein. Insbesondere wissenschaftliche Erkenntnisse zum Komplex Paarbeziehungen stellen wir, neben anderen, im Vordergrund der neuen Workshopserie. Titelgebend für die einzelnen Zusammenkünfte nahmen wir die Themen aus dem Buch „8 Gespräche, die jedes Paar führen sollten“, so wie sie das Ehepaar Gottman in 40 Jahren Paarforschung gefunden hat. Erkenntnisse anderer Autoren werden natürlich zudem in die Gesprächsangebote einfließen.

Beziehungen = das Wechselwirken im Miteinander, sind die Basis unseres Zusammenlebens, das wir gemeinsam mit anderen gestalten.

Termine 2026

Mi 11.02. – 19 Uhr – kleiner Saal Bürgerhaus Rodheim             
                    1. Thema: Vertrauen – Basis des Miteinander

Sa 07.03. – 10 Uhr – Picknick-Wandern Wildgehege Frankenbach
                    2. Thema: Konflikte bewältigen, K-Typen, Gesprächshilfen

Mi 15.03. – 19 Uhr – kleiner Saal Bürgerhaus Rodheim
                    3. Thema: Intimität, Erotik, unterschiedliche Vorstellungen

Sa 09.05. – 10 Uhr – Picknick-Wandern um den Rimberg              
                    4. Thema: Finanzen, mein-dein-unser, Ausgeben – Sparen

Mi 10. 06. – 19 Uhr – kleiner Saal Bürgerhaus Rodheim                                
5. Thema: Familie; ohne und mit Kindern leben, alte Eltern

Mi 12.08. – 19 Uhr – kleiner Saal Bürgerhaus Rodheim
                    6. Thema: Freude; Was begeistert, was ist lustvoll?

Sa 12.09. – 10 Uhr – Picknick-Wandern Waldsportplatz Rodheim
                    7. Thema: inneres Wachstum; Wie unterstützen wir uns?

Mi 21.10. – 19 Uhr – kleiner Saal Bürgerhaus Rodheim
                    8. Thema: Träume; bucket list; Wunsch oder Ziel?

Sa 21.11. – 10 Uhr – kleiner Saal Bürgerhaus Rodheim
                    Thema: Rückblick – Ausblick auf 2027 und Eure Wünsche

Wir wünschen uns einen lebendigen Austausch über vielfältige Erkenntnisse und möchten Ressourcen mobilisieren, die gerade im dörflichen Miteinander noch funktionieren oder wieder entwickelt werden können.

Zudem, da „Geben seliger denn Nehmen ist“, wollen wir im kommenden Jahr bei den Treffen gerne Spenden sammeln, die wir an unsere Kitas und die Tagespflegestation weiterreichen werden.
Wir hoffen, das ist eine zusätzliche Motivation, sich selbst etwas Gutes zu gönnen.

Fotos: A. Kraft, K. Waldschmidt

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