von Dr. Alfons Lindemann, Veröffentlicht am 18. September 2026

Wie an den beiden vorhergehenden Freitagen lesen Sie hier wieder Aspekte zum Thema Demenz, die für Angehörige entlastend sein könnten.

Erkrankt ein Mensch im Familiensystem bedeutet das Veränderungen in allen Lebensbereichen.
d.h. die bisher gelebten Anpassungsmuster an eine bestehende Umwelt (Landkarte und Narrative von der Welt in unserer Vorstellung, Wirklichkeit 2. Ordnung), passen nun nicht mehr, benötigen ein Up-date, um Erleben und Bedeutungsgebung aus der neuen, aktuellen Perspektive zu sehen und zu verstehen.
Das aber kostet Energie und so versucht unser Gehirn in seiner gewohnten Komfortzone zu bleiben – zumindest bis die Diskrepanz von Landschaft und Karte in schmerzhafte Zustände führt, weil nichts mehr passt.

Bei einem Menschen mit einer demenziellen Erkrankung gelingt Nähe meist besser, wenn man Sicherheit und Wahlfreiheit gibt, statt die Person zu führen oder zu kontrollieren. Nähe bedeutet also nicht, ständig präsent zu sein oder alles zu übernehmen. Es reicht, da zu sein. Konkret meint das:

  • Auf Augenhöhe gehen: ruhig hinsetzen, Blickkontakt aufnehmen, nicht von oben auf die Person einreden.
  • Anklopfen und fragen: „Darf ich mich zu dir setzen?“ statt einfach ungefragt einzugreifen.
  • Nähe anbieten, nicht erzwingen: „Möchtest du meine Hand?“ Körperkontakt sollte immer willkommen sein.
  • Zuhören statt korrigieren: Gefühle ernst nehmen, auch wenn die Fakten nicht stimmen.
  • Gemeinsam etwas tun: Kaffee trinken, Musik hören, spazieren gehen, Fotos anschauen oder etwas im Haushalt machen. Gemeinsames Tun schafft oft mehr Nähe als ein Gespräch.
  • Tempo der Person übernehmen: Pausen zulassen und nicht jede Stille sofort füllen.
  • Wahlmöglichkeiten geben: „Möchtest du hier sitzen oder dort?“ So bleibt Selbstbestimmung erhalten.
  • Nicht alles abnehmen: Hilfe anbieten, aber Fähigkeiten und Entscheidungen der Person erhalten.
  • Verlässlich sein: ruhig, freundlich und vorhersehbar reagieren. Gerade bei Demenz schafft Wiederholung Vertrauen.

Wie begleitet man Angehörige, wenn sie Schuldgefühle haben?

z.B. „Ich mache alles falsch, obwohl ich mein Bestes gebe!“
Solche Gedanken, die entsprechende Gefühle auslösen, zeigen vor allen, dass Ihnen der Mensch wichtig ist.

Schuldgefühle sind bei Angehörigen von Menschen mit demenziellen Erkrankungen sehr häufig,
aber nicht nur da – auch Eltern machen sich solche Gedanken immer wieder.
Dabei ist das Wort „machen“, also selber herstellen, ist hier von Bedeutung, denn Gedanken entstehen aus konstruktivistischer Sicht in der Wirklichkeit 2. Ordnung, in unseren Modellen von der Welt, die sich meist am „Soll“ / Ideal / Wunsch, statt am „Ist“ orientieren, wie: „Ich müsste mehr tun“, „Ich habe nicht genug Geduld“ oder „Ich sollte das besser schaffen.“

Doch Schuld setzt a) ein Ursache-Wirkungs-Denken voraus, das im menschlichen Miteinander eine unsinnige Komplexitätsreduktion darstellt und so nicht vorkommt, da vielerlei Wirkfaktoren bei Entwicklungen eine Rolle spielen;
es sei denn, es gäbe b) eine eingegangene VerpflichtungSchulden, die man noch zu begleichen hat, wie z.B. mit einem Kreditinstitut.
Ist das aber im Verhältnis von Eltern-Kind oder Paarbeziehungen der Fall?
Im Verhältnis von Eltern und Kindern z.B. haben die Kinder zwar das größte Geschenk, ihr Leben, durch die Eltern, aber auch die Eltern bekamen das Leben, das sie an ihre Kinder weitergaben, bereits von ihren Eltern.
Gabe es eine Lebensschuld, müssten sich alle Kinder umbringen, um vollständig zurückzuzahlen.

Hilfreich ist es, zwischen Verantwortung und Schuld zu unterscheiden.

Zumindest auf kognitiver Ebene gilt es alte, kindliche Vorstellungen aus der Erwachsenenperspektive zu korrigieren.
Kinder, die bis in das Grundschulalter nicht sicher zwischen Realität und Phantasie unterschieden, denken: „Geteiltes Leid ist halbes Leid“.
Für Erwachsene ist jedoch klar, dass wenn statt Mitgefühl Mitleiden passiert, halbiert sich das Leid nicht, sondern es verdoppelt sich.
Emotional gilt es auszuhalten, dass nicht die Vorstellungen, bei denen alles geht, sondern die Realität die Bedingungen setzt, die machbar sind.
Vorstellbar ist unendlich viel, machbar jedoch jeweils nur Eines zur Zeit.

Bei allen Menschen hilft in unserer Zeit, die eher spannungsgeladen ist, vor allem, in eine entspanntere Haltung zu kommen.
Allein dadurch wird das Welterleben positiver.
Dabei ist der erste notwendige Schritt, um sich zu Orientieren, immer das annehmen der Situation, wie sie ist; (Wirklichkeit 1. Ordnung = Realität)
statt es so haben zu wollen, wie man es sich vorstellt. (Wirklichkeit 2. Ordnung = komplexitätsreduziertes Modell von der Realität).

Es hilft zu prüfen, wo Anforderungen als Überforderung erlebt werden und Überforderung reduzieren, z.B. sich Hilfe holen,
statt eine andere Person von der eigenen Sichtweise (Wirklichkeit 2. Ordnung) überzeugen zu wollen.
Jeder sieht die Welt aus anderer Perspektive und vor dem Hintergrund anderer Lebenserfahrungen.
Da nutzt kein Streit über „die Wahrheit“, da hilft nur „Wir-Bildung“ durch Austausch und die Konstruktion von Gemeinsamem.

Bei der Konstruktion unserer „Landkarte“ von der Welt, ebenso bei der Absprache zu einer gemeinsamen „Wir-Weltkarte“, spielen immer Aufmerksamkeitslenkung und Deutungsmacht ein wesentliche Rolle.
Schon werden Kinder häufig wie Objekte behandelt, wobei ihnen oft die Deutungshoheit über ihr Befinden genommen wird. Spielt sich das im späteren Leben wieder ab, reagieren unsere Nervennetzwerke schnell auf Ähnlichkeit; wir sind getriggert und reagieren, als ob es so wäre, wie damals und wir antworten auch wie damals, nicht so, wie es für die heutige Situation und den anderen Umständen sinnvoll wäre.

Wenn Spannungen sehr stark und plötzlich auftreten, kann es helfen, sich das eigene Befinden und Gefühl in der Situation bewusst zu machen, denn die könnte spiegelbildlich zur anderen Person sein oder in eine andere Zeit gehören. Auch die eigene Anspannung überträgt sich häufig und wirkt verstärkend.
Deshalb kann es helfen, kurz innezuhalten, langsamer zu werden und die eigene Stimme bewusst ruhig zu halten. Damit rücken wir einen besseren Verstehen insbes. der zugrundeliegenden Bedürfnisse, möglichen Motivationen und Beweggründen näher.
Wenn möglich, kann auch eine andere vertraute Person die Situation übernehmen, um Entlastung zu schaffen.

Wenn die Spannung gerade entsteht, nutzt

  • Ruhig sprechen: langsam, kurze Sätze, freundlicher Ton.
  • Nur eine Sache auf einmal: statt „Zieh dich an, wir müssen gleich los und deine Medikamente musst du auch noch nehmen“ lieber: „Wir ziehen jetzt die Jacke an.“
  • Reize reduzieren: Fernseher/Musik leiser/aus, weniger Personen im Raum, gegebenenfalls in einen ruhigeren Raum gehen.
  • Nicht korrigieren oder diskutieren: Bei falschen Aussagen nicht unbedingt auf der eigenen Wahrheit bestehen. Besser auf das dahinterliegende Gefühl eingehen.
  • Gefühl bestätigen: „Du wirkst in meinen Augen gerade unsicher. Ich bleibe bei dir.“
  • Wahlmöglichkeiten begrenzen: statt „Was möchtest du anziehen?“ „Möchtest du den blauen oder den grauen Pullover?“
  • Zeit geben: Nicht drängen, wenn die Person gerade nicht reagieren kann.
  • Abstand respektieren: Bei sichtbarer Anspannung nicht ungefragt anfassen oder festhalten.
  • Ablenkung oder Wechsel der Situation: Ein Spaziergang, Musik, ein Getränk oder eine vertraute Tätigkeit kann manchmal besser wirken als ein Gespräch.

Wenn Spannungen neu auftreten, sollte man bei den Erkrankten differentialdiagnostisch zusätzlich auch an körperliche Ursachen wie Schmerzen, Infekte, Verstopfung, Schlafmangel oder Nebenwirkungen von Medikamenten denken.

Bilder: ChatGPT

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