von Dr. Alfons Lindemann, Veröffentlicht am 4. September 2026

An den kommenden Freitagen im September lesen Sie verschiedene Aspekte zum Thema Demenz, die für Angehörige entlastend sein könnten.

Eben, am 25. 8. 2026, war Elisabeth Bender, 1. Vorsitzende der Initiative Demenzfreundliche Kommune Stadt und Landkreis Gießen e.V. bei den Generationengesprächen in Biebertal-Krumbach und sprach vor interessiertem Publikum über die Auswirkungen von dementiellen Erkrankungen.
Dabei bot sie wertschätzend vielerlei Überlegungen für den Umgang mit Betroffenen und für pflegende Angehörige an und plädierte für mehr Teilhabe auch erkrankter Menschen am gesellschaftlichen Leben.
Blättert man auf der Internetseite des Vereins, finden sich zahlreiche Beispiele wie Teilhabe gelingt.

Um die Überlegungen zum Thema Demenz und den damit verbundenen Herausforderungen einem breiteren Publikum, vor allem betroffenen Familien, die in der Regel medizinische Laien sind, weiterzutragen, schrieb ich diese Serie, die aus Vorüberlegungen zu einer Filmdokumentation stammen, zu der ich in der Tagespflege in Gießen Wieseck am 23. 8. 26 interviewet wurde:

Typischerweise, bei „normalem Altern“, verabschieden sich unsere Gehirnfunktionen ab etwa dem Rentenalter schleichend. Bei ca. 1-2% pro Jahr von etwa 86-100 Milliarden Gehirnzellen, von denen jede im Mittel mit 10.000 anderen Zellen vernetzt ist, ist das über Jahrzehnte hinweg kaum spürbar.
Wichtig dabei: bis ins hohe Alter ist unser Gehirn neuroplastisch aktiv, wobei sogar neue Zellen entstehen können, vor allem aber neue Nervenvernetzungen stattfinden und benutzte Pfade stabilisiert werden und kaum Genutztes abgebaut wird.
Bei neurodegenerativen Erkrankungen (z. B. Morbus Alzheimer) ist der Prozess immer noch schleichend über Jahre, da das Gehirn Schäden oft jahrelang unbemerkt kompensiert, bevor erste Symptome auftreten.
Bei akuten Schäden (z. B. Schlaganfall) können Ausfälle schlagartig binnen Minuten auftreten.
Dennoch versucht das restliche Gehirn danach, Aufgaben zu übernehmen. z.B. geht oft Singen, auch wenn man nicht Sprechen kann.

Demenz ist ein Oberbegriff für eine Vielzahl von Erkrankungen
–             die sich, je nach im Gehirn besonders betroffener Region, entsprechend in unterschiedlichen Krankheitszeichen äußern,
–             die dann logischerweise ganz unterschiedliche, von raschen bis zu langjährigen Verläufen führen,
–             die unterschiedliche Behandlungsansätze erfordern, aber bislang alle keine Heilung versprechen.

Woran merkt man, dass es mehr ist, als Vergesslichkeit?

Meist ist es nicht die Vergesslichkeit die Angehörigen als allererstes auffällt. Solange einem Vergessenes nach einer Weile wieder einfällt, hat das mit Aufmerksamkeitsüberforderung zu tun und spricht nicht für Demenz.
Besorgniserregend werden Veränderungen im Umgang mit alltäglichen Dingen, die die Selbstständigkeit beeinträchtigen. Meist, da der Prozess so schleichend beginnt, fallen erst Symptome kaum auf bzw. werden als normale Alterserscheinungen erklärt. Jeder Vergisst mal. Das aber liegt normalerweise an der Aufmerksamkeitsfokussierung, so dass das Vergessene bald wieder erinnert werden kann oder Namen einem wieder einfallen, wenn inneres Stresserleben zu Ende ist.
Aber auch Schlafmangel, Depression, Stress, Medikamente, Alkohol, Schilddrüsenprobleme oder andere behandelbare Ursachen können deutliche Gedächtnisprobleme verursachen.

Bei einer demenziellen Erkrankung jedoch geht nicht einfach nur Erinnerung verloren. Die Person verliert nach und nach die Fähigkeit, ihre Umwelt richtig einzuordnen, neue Informationen werden nicht mehr zuverlässig gespeichert und gewohnte Fähigkeiten gehen zunehmend verloren.

  • Neuere Ereignisse werden auffällig schnell vergessen:
    z.B. ist die Herdplatte noch an, während man schon konzentriert am täglichen Kreuzworträtseln ist;
    während lange zurückliegende Erinnerungen noch gut funktionieren:
    z.B. Antworten beim Rätseln, Stricken, Kindheits- oder Urlaubserinnerungen.
    Wichtig: früh im Leben entstandene Funktionen und Erinnerungen bleiben am längsten erhalten; d.h. viele Funktionen bleiben erhalten,
    insbes.: Wahrnehmung von Stimmungen, Nähe- und Kontaktwünsche, auch Berührung, eigene Gefühle, wie Freude, Angst, usw. und Bedürfnisse, wie das nach nach Sicherheit. Selbst wenn jemand einen Namen oder ein Ereignis nicht mehr kennt, kann er noch sehr deutlich spüren, ob ein anderer Mensch ihm Sicherheit gibt oder ihn kontrollieren will oder unter Druck setzt.
  • Dieselben Fragen oder Geschichten werden wiederholt, obwohl die Antwort gerade erst gegeben wurde oder
    Betroffene Gesprächen nicht mehr folgen können.
  • Alltagsabläufe werden schwieriger: Überweisungen, Einkäufe, Kochen, Termine halten, Medikamenteneinnahme oder technische Geräte bereiten plötzlich Probleme.
  • Orientierungsprobleme treten auf: an eigentlich bekannten Orten, auch in der eigenen Wohnung, oder
    man weiß häufiger nicht mehr, warum man irgendwo hingegangen ist, was man wollte.
  • Persönlichkeits- oder Verhaltensänderungen fallen auf: ungewöhnliche Gereiztheit, Misstrauen, Rückzug, Apathie oder plötzlich deutlich weniger Eigeninitiative, sozialer Rückzug und unlogisch erscheinende Erklärungsversuche für Verhalten oder Ereignisse.
  • Probleme beim Planen und Entscheiden werden sichtbar, was früher problemlos bewältigt wurde.

Selbst Betroffene sind sich zum Teil nicht bewusst, dass etwas nicht stimmt. Das Gehirn entwickelt Erklärungen und kaschierendes Verhalten, um die auftretende kognitive Dissonanz (= etwas passt nicht zusammen) bei wiederkehrenden Fehlern oder Lücken auszugleichen. Denn solche Merkwürdigkeiten gehen meist mit unangenehm empfundenen Gefühlen wie Scham oder Schulderleben einher. Und auch die Umwelt soll nicht merken!

Sobald Betroffene, Angehörige oder Freunde beunruhigende Symptome bemerken, sollten sie sich Hilfe holen und offen besprechen, was ihnen aufgefallen ist und was sicherlich alle auch fürchten. In Frühstadien können Medikamente bei manchen Formen des dementiellen Abbaus wirklich helfen.
Die Deusche Altzheimergesellschaft schreibt, dass derzeit in Deutschland rund 1,84 Millionen Menschen mit einer demenziellen Erkrankung leben.
Die meisten von ihnen werden zu Hause betreut. Die betreuenden Personen sind zumeist medizinische Laien, so dass sich niemand schämen muss, wenn sie/er (zumeist aber sie) von den Erscheinungsformen und dem z.T. merkwürdigen und zunächst unverständlichen Verhalten der erkrankten Person irritiert und meist auch überfordert ist. 

Darum in weiteren Folgen einige hilfreiche Anregungen für ein besseres Verständnis und nützliche Umgehenstipps.

Bild: ChatGPT, Bild: Prävalenz der Erkrankung, Risikofaktoren-Bild: Deutsches Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen

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