von Dr. Alfons Lindemann, Veröffentlicht am 25. September 2026

Wie an den vorhergehenden Freitagen in diesem September 2026 lesen Sie hier wieder Aspekte zum Thema Demenz, die für Angehörige entlastend sein könnten.

Was konkret hilft Angehörigen helfen?

  • Gefühl anerkennen: „Dass du dich schuldig fühlst, zeigt, wie wichtig dir die Person ist.“ „Du bist vermutlich unsicher und wehrst Dich; das verstehe ich.“
  • Eigene Ansprüche überprüfen: Angehörige können nicht rund um die Uhr geduldig, verfügbar und liebevoll sein. Nicht alles abnehmen.
  • Realistische Grenzen setzen: (Grenzen geben Orientierung) „Ich kann dich unterstützen, aber ich kann nicht alles allein übernehmen.“
  • Hilfe annehmen: Unterstützung durch Familie, Pflegeberatung, Tagespflege oder ambulante Dienste ist kein Versagen, sondern Entlastung.
  • Nicht jede Reaktion persönlich nehmen: Gereiztheit, Vorwürfe oder Ablehnung können durch die Erkrankung und Überforderung entstehen.
  • Auf das Machbare konzentrieren: Nicht „Habe ich alles richtig gemacht?“, sondern „Was braucht die Person jetzt?“
  • Eigene Bedürfnisse ernst nehmen: Schlaf, Pausen, soziale Kontakte und Zeit für sich sind keine egoistischen Extras.
  • Fehler zulassen: Auch Angehörige dürfen einmal ungeduldig sein, etwas vergessen oder eine Situation falsch einschätzen. Entscheidend ist nicht Perfektion, sondern die Bereitschaft, es beim nächsten Mal anders zu versuchen.

Die Liebe zeigt sich nicht daran, wie viel ein Angehöriger aushält.
Manchmal ist es gerade ein Zeichen guter Fürsorge, Verantwortung zu teilen oder professionelle Hilfe einzubeziehen.

Wie kann man stressende Situationen entschärfen?

Der wichtigste Ansatz ist, den Kreislauf möglichst früh unterbrechen.
Beispiele: Korrigieren → Widerspruch → Streit
Angehöriger: „Das stimmt doch gar nicht, ich habe dir das gerade gesagt.“ – Person mit Demenz: „Das hast du nicht!“

Beide beharren zunehmend auf ihrer Sicht. Drängen → Abwehr → noch mehr Drängen
„Du musst jetzt aufstehen.“ –  Nein!“ – „Doch, wir haben keine Zeit.“

Helfen wollen → Gefühl von Bevormundung → Aggression
Der Angehörige übernimmt immer mehr Aufgaben. – Die Person erlebt das als Verlust von Selbstständigkeit und reagiert gereizt oder wütend.

Vorwurf → Rechtfertigung → Gegenangriff
„Du machst das ständig!“ – „Das stimmt überhaupt nicht!“ → Aus einer kleinen Situation wird ein persönlicher Konflikt.

Misstrauen → Erklären → noch mehr Misstrauen
Die Person glaubt, jemand habe Geld oder Gegenstände weggenommen. – Der Angehörige versucht ausführlich zu beweisen, dass das nicht stimmt.

Überforderung → Rückzug → Nachfragen → weiterer Rückzug
Die Person wird still oder zieht sich zurück. Der Angehörige fragt immer wieder: „Was ist denn los?“ → Dadurch steigt der Druck weiter.

Angehöriger ist erschöpft → kürzere Geduld → Schuldgefühl
Nach vielen belastenden Situationen reagiert der Angehörige gereizter. Danach entstehen Schuldgefühle, wodurch beim nächsten Mal noch mehr Anspannung vorhanden sein kann.

Was uns nicht bewusst ist, müssen wir erleben.

Erst wenn uns Muster bekannt sind, können wir achtsam abgestuft wählen (Ampel-Modell z.B.).
Geraten wir in einem Problem-Trancezustand, in dem uns unser Gehirn Geschichten vorgaukelt, die sich wie im Traum völlig echt und wahr anfühlen, dann gibt es nur dieses Welterleben. Ohne Alternative müssen wir es nehmen, wie es ist.
Erst wenn wir erwachen ergibt sich durch eine andere Erlebensweise die Möglichkeit der Wahl und Veränderung.

Da das entwicklungsgeschichtlich ältere Bewertungssystem in unserem Gehirn binnen Millisekunden über lebensrettende Reaktionen entscheidet, ist es oft schwer mit dem deutlich langsameren System der Vernunft nicht zu reagieren. Wissen hilft also oft nur bedingt!
Es gelingt nur, wenn wir uns in typischen, sich wiederholenden Situationen, in denen wir emotional werden und uns verletzlich fühlenden = „Gelb-Achtung!“, Vorsicht und Achtsamkeit walten lassen.

Was sind für Angehörige die wichtigsten Alltags-Strukturen,
die nicht wie Kontrolle wirken, aber Sicherheit geben?

Grenzen können, wie vorhersehbare Abläufe, Sicherheit geben. (Schon im Mutterleib sind wir ständig in Kontakt mit Grenzen.)
Routine soll Orientierung geben, nicht Gehorsam erzeugen.
Entscheidend ist, dass die Routinen gemeinsam getragen werden und nicht wie ein Kontrollsystem praktiziert wird.
Feste Struktur und Selbstbestimmung widersprechen sich nicht: Die Zeit kann feststehen, aber innerhalb dieser Struktur gibt es Wahlmöglichkeiten – etwa „Spaziergang vor oder nach dem Kaffee?“ oder „Blauer oder grauer Pullover?“.
Ausnahmen bestätigen die Regel, dürfen aber nicht zur Regel werden.
Besonders wirksam sind Routinen, die sich an früheren Gewohnheiten und der Biografie der Person orientieren. Was vertraut ist, muss weniger erklärt und kontrolliert werden.

Gute Alltagsroutinen

  • Feste Tagesstruktur: ungefähr gleiche Zeiten für Aufstehen, Mahlzeiten, Ruhe und Schlafengehen. Aktivitäten morgens, Ruhiges nachmittags.
  • Gemeinsames Frühstück: möglichst an einem vertrauten Ort und mit ähnlichen Abläufen.
  • Feste Ablageplätze: Schlüssel, Geldbörse, Brille oder Handy haben immer denselben Platz.
  • Medikamente als Ritual: beispielsweise immer zu einer bestimmten Mahlzeit – möglichst ohne ständiges Nachfragen oder Kontrollieren.
  • Regelmäßige Bewegung: ein täglicher Spaziergang zur ähnlichen Zeit kann Orientierung und Wohlbefinden fördern, Unfallprophylaxe.
  • Vertraute Tätigkeiten: Tisch decken, Blumen gießen, Wäsche zusammenlegen, Zeitung anschauen.
  • Feste Ruhezeiten: besonders nach anstrengenden Aktivitäten.
  • Abendliches Ritual: beispielsweise Tee, Musik, gedämpftes Licht und anschließend das Zubettgehen in derselben Reihenfolge.
  • Wöchentliche Fixpunkte: ein bestimmter Einkaufstag, Chorgesangsstunde, Besuch von Angehörigen oder eine gemeinsame Aktivität.

Der Unterschied liegt häufig in der Art und in der Haltung, wie die Routine gestaltet wird.

Statt: „Hast du deine Tabletten genommen? Ich muss kontrollieren, ob du sie genommen hast.“ – eher: „Wir nehmen die Medikamente jetzt zusammen zum Frühstück.“ / Statt: „Du musst jetzt ins Bett.“ – eher: „Wir machen es uns jetzt gemütlich. Möchtest du noch einen Tee?“ / möglichst nicht ständig testen:
„Weißt du noch, was heute ist?“ oder „Was haben wir gerade gemacht?“ – Solche Fragen können sich für die betroffene Person wie eine Prüfung anfühlen.

Was sind kleine praktischen Dinge, die im Alltag wirklich entlasten?

Gerade bei wenig Zeit sind kleine, wiederholbare Maßnahmen oft wirksamer als große Betreuungskonzepte. Bei wenig Zeit sollte man zuerst die Dinge verändern, die täglich Stress verursachen.„Was kostet uns jeden Tag unnötig Kraft – und wie können wir genau diesen einen Schritt einfacher machen?“
Entscheidend ist: Sie sollen den Alltag vereinfachen, ohne den Angehörigen zusätzlich zum Organisator und Kontrolleur zu machen.

Ein paar besonders praktische Beispiele:

  • Feste Plätze: Schlüssel, Brille, Geldbörse und wichtige Dinge immer am selben Ort.
  • Kleidung vorbereiten: morgens nur zwei passende Möglichkeiten hinlegen.
  • Eine Information zur Zeit: großer Kalender oder gut sichtbare Uhr statt wiederholter Erklärungen.
  • Erinnerungen übernehmen lassen: Handy, Wecker oder Kalender für Termine und Medikamente nutzen, statt dass der Angehörige ständig erinnern muss.
  • Ein Schritt nach dem anderen: nicht fünf Anweisungen gleichzeitig geben.
  • Kurze gemeinsame Rituale: morgens Kaffee, nachmittags zehn Minuten Spaziergang oder abends gemeinsam Musik.
  • Essen vereinfachen: vertraute Gerichte, möglichst wenig Auswahl und keine komplizierten Abläufe.
  • Konflikte nicht ausdiskutieren: bei beginnender Spannung kurz innehalten, Thema wechseln oder später erneut versuchen.
  • Hilfe mit einer konkreten Aufgabe verbinden: „Ich komme Dienstag und erledige den Einkauf“ ist entlastender als „Meld dich, wenn du Hilfe brauchst.“
  • Eine kleine Pause fest einplanen: auch 15–20 Minuten, in denen der Angehörige wirklich nicht zuständig ist.
  • Nicht alles optimieren wollen. Wenn etwas einigermaßen funktioniert und niemand dadurch gefährdet wird, darf es auch einfach so bleiben.
  • Unbedingt den Austausch mit Mitbetroffenen suchen, z.B. Verein „Initiative demenzfreundliche Kommune Stadt und Landkreis Gießen“.

Bilder: ChatGPT

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert