von Dr. Alfons Lindemann, Veröffentlicht am 11. September 2026
Wie am letzten Freitag lesen Sie hier und an allen Freitagen im September 2026 etwas zum Thema Demenz, das für Angehörige entlastend sein könnten.
Sobald Betroffene, Angehörige oder Freunde Veränderungen bemerken, sollten sie sich Hilfe holen und offen besprechen, was ihnen auffiel und sie vermutlich auch befürchten. Im Frühstadium können Medikamente bei manchen der ca. 50 Arten der Demenz den Prozess verzögern, aber nicht aufhalten.
Die Deusche Altzheimergesellschaft schreibt, dass derzeit in Deutschland rund 1,84 Millionen Menschen mit einer demenziellen Erkrankung leben. Die meisten von ihnen werden zu Hause betreut. Die betreuenden Personen sind zumeist medizinische Laien, so dass sich niemand schämen muss, wenn er (zumeist aber sie) von den Erscheinungsformen und dem zunächst unverständlichen Verhalten der erkrankten Person irritiert und meist auch überfordert ist.

Was passiert, wenn Angehörige und Betroffene über längere Zeit unter Stress stehen?
Zunächst einmal ist bei demenziellen Erkrankungen wichtig zu bedenken: nicht jedes schwierige Verhalten als „Symptom der Demenz“ abtun!
Schmerzen, Hunger, Durst, Müdigkeit, Harndrang, Infekte oder Medikamente können ebenfalls plötzlich Stress und Unruhe auslösen.
Anders, als in anderen Altagssituationen, in denen natürlich auch beim Gesunden ganz ähnliche Mechanismen ablaufen, verändert eine Demenz das gesamte Gehirn, sodass ein betroffener Mensch seine Umgebung, sich selbst und andere Menschen nach und nach anders wahrnimmt und verarbeitet. => Dadurch entstehen Unsicherheit und Angst => daraus können Verhaltensweisen entstehen, die für Angehörige schwer zu verstehen sind:
Psychisch kann das – sowohl für den Erkrankten wie für seine Betreuenden – bedeuten:
- Verlust von Orientierung: Verwirrtheit oder nicht verstehen der aktuellen Situation, Worte nicht verstehen, Gesichter nicht erkennen
- Verlust von Kontrolle: Früher selbstverständliche Dinge werden plötzlich schwierig. Das kann beschämen oder frustrieren.
- zunehmende Unsicherheit und Angst: man sich Dinge nicht mehr erklären oder merken. So fühlt sich die Welt weniger verlässlich an.
- Bedrohtheitsgefühle und Angst: Überforderung kann sich als Abwehr, Unruhe, Vermeidung, Wut, sozialer Rückzug oder Teilnahmslosigkeit zeigen.
- Misstrauen wächst: Wenn beispielsweise Gegenstände „verschwinden“, verlegt wurden, kann die Person ehrlich überzeugt sein, jemand habe sie weggenommen – nicht weil sie absichtlich lügt, sondern weil ihr Gehirn die Lücke anders erklärt.
- je nach Charakter oder Hirnabbauregion sind Reizbarkeit oder Rückzug Folge von zunehmender Verunsicherung.
Zwischenmenschlich verändern sich durch jede Erkrankung die sozialen Beziehung und Bezüge: Kinder z.B. pflegen Eltern oder die Rollen in einer Partnerschaft verändern sich nachhaltig. Es ist jeweils das ganze System von den Veränderungen eines Einzelnen verändert!
Angehörige erleben vielleicht: „Er hört mir nicht mehr zu“, „Sie wird plötzlich so misstrauisch“ oder „Er ist nicht mehr der Mensch, den ich kenne.“
Gleichzeitig aber erlebt der Mensch mit Demenz die Angehörigen möglicherweise zunehmend als Personen, die ihn korrigieren, drängen oder ihm Dinge abnehmen.
Gibt es frühe Stress-Signale, an denen man erkennt, dass sich eine Belastungssituation zuspitzt?
Die Stressreaktion befähigt kurzfristig, Gefahren abzuwehren und Probleme zu lösen. Danach sollte das System wieder zu einem entspannten Zustand zurückkehren.
Halten Belastungen über längere Zeit an, adaptiert der Körper sich an eine Situation; zumindest so lange er Reserven hat, die Überforderung zu kompensieren. Beobachtet man das eigene und fremdes Verhalten, spürt man, bevor man es sagen kann: „Ich bin gerade überfordert.“
Oft braucht es mehrfaches Scheitern, bevor einem etwas als Überlastung oder gar als ein Muster bewusst wird.
Irgendwann bei Dauerbelastung, wie z.B. einer Pflege, dekompensiert das System an einem Kipp-Punkt;
denn irgendwann sind die Kraftreserven verbraucht, so dass Anspannung, Arbeitsleistung und Erholungsphasen nicht mehr erbracht werden können.
Ob dann als körperliche Erkrankung, Schmerzen, Nervenzusammenbruch, Depression usw., ein Symptom wird freundlicherweise imperativ auf den Mangelzustand verweisen und Veränderungen einfordern, die der Mensch bis dato verweigert hat.
Oft zeigen sich Belastungssignale zunächst ganz subtil. Typische frühe Signale sind:
- Körperliche Zeichen: schnelleres Atmen, Herzrasen, Schwitzen, Nervosität, Zittern, Unruhe: unruhige Hände oder Füße, häufiges Aufstehen, erhöhter Bewegungsdrang, Herumlaufen, Dinge in die Hand nehmen, erhöhte Anspannung mit verkrampfter Körperhaltung, angespannter Gesichtsausdruck
- Angst
- Vielfaches Fragen oder Kontrollieren: dieselbe Frage wiederholt stellen oder ständig nach Orientierung suchen.
- Reizbarkeit: schneller genervt sein, schroffer antworten oder sich gegen Hilfe wehren.
- Rückzug: plötzlich still werden, Gespräche abbrechen oder sich abwenden.
- Hektig: Dinge schneller oder unkontrollierter machen.
- Überforderung bei mehreren Reizen: Lärm, mehrere Personen oder viele Anweisungen werden plötzlich schlecht vertragen.
- Vermehrtes Misstrauen: etwa das Gefühl, andere würden etwas verbergen oder wegnehmen.
- Weinen oder ungewöhnliche Emotionalität, manchmal scheinbar ohne erkennbaren Grund.
hilfreich für Angehörige ist:
Wenn jemand beispielsweise plötzlich unruhig wird, dieselbe Frage dreimal stellt und gereizter reagiert, kann das bereits bedeuten:
„Es wird mir gerade zu viel.“
Dann helfen oft: weniger Worte/Text, eine ruhige Umgebung, ein einzelner nächster Schritt und ein Gefühl von Sicherheit.
Nicht erst auf eine Krise reagieren, sondern auf die ersten kleinen Veränderungen.
Denn meist geht es nicht so sehr um das gezeigte Verhalten/Symptom, sondern um das dahinter liegende Bedürfnis.

Wer Reaktionsmuster kennt, dem kann das Ampel-Modell helfen:
Grün: ALLES OK, alles passt.
Gelb: ACHTUNG, Vorsicht, Situation meist emotionalisiert, noch funktionieren Regulationsmechanismen.
Typisch sind da Reaktionen auf Verletzungen in der Vergangenheit, z.B. sich bevormundet fühlen, die jetzt wie Trigger wirken und Gefahr (z.B. für die Ich-Integrität) signalisieren, so dass das Überlebenssystem blitzschnell in Flashbacks führt, als ob es wieder so sei, wie damals.
Aus dem oder einem Missverständnis entstehen da häufig auf beiden Seiten typische Eskalationen: z.B.
Der Angehörige möchte helfen oder etwas durchsetzen, während die Person mit Demenz die Situation als Druck, Kritik oder Bedrohung erlebt.
Es entsteht ein Teufelskreis von Unsicherheit → Angst und Überforderung → Abwehr/Wut → Streit oder Rückzug → Druck des Angehörigen → noch mehr Unsicherheit → stärkere Abwehr → Eskalation.
Rot: NICHTS GEHT MEHR, keine kreatives, reflektierendes Denken mehr, reflexhaftes Handeln übernimmt die Überlebenssicherung:
d.h. jetzt haben entwicklungsgeschichtlich alte Bewertungssysteme der Überlebenssicherung die Regie übernommen. Diese reagieren allerdings auf relativ unspezifische Reize binnen Millisekunden, während der Verstand zur Bewertung einer Lage deutlich länger braucht und durchaus dann wissen kann, dass die Reaktion unangemessen ist, aber die Korrektur, z.B. eine Entschuldigung, ist erst im Nachgang möglich. Im Stress-Überlebens-Modus gehen physiologisch nur noch Flucht oder Vermeidung, Aggression oder totstellen und dissoziative Abspaltung von Ich-Anteilen (nicht mehr als zum Ich gehörig erleben).
=> Inhaltlich sinnvolle Ansprache ist erst nach dem Abklingen der körperlichen Reaktionen möglich. Bis dahin muss die Situation gehalten (= sichere Rahmenbedingungen) und ausgehalten werden, denn der sich in einer maximalen Stressreaktion befindliche ist mit Überleben beschäftigt (auch wenn das von außen irrational erscheint). Im „roten Zustand“ funktionieren rationale Kreativität und Verantwortung nicht, da entwicklungsgeschichtlich alte Hirnregionen das Tun dominieren.
Wenn eine Person bereits stark aufgebracht ist (Gelb oder Rot), gilt: nicht gewinnen, nicht recht haben wollen.
In diesem Moment ist es wichtiger, die Situation zu beruhigen, als Recht zu behalten.
Das abwehrend aggressive Verhalten ist in der Regel weniger gegen die Angehörigen gerichtet, als es von außen aussieht.
Die betroffene Person reagiert auf eine Welt, die für sie zunehmend schwer verständlich wird.
Eigentlich sucht sie Kontakt herzustellen, bekämpft das Trennende, nicht die Person gegenüber.
Bild oben: ChatGPT, Bild der Maslow-Pyramide: Ideen-Fabrik